MAZ: Hilfe für die Kita-Tanten

Erzieher werden wollen nur noch wenige junge Menschen, vielen ist es in der Kita zu laut und die Kinder sind ihnen zu wild. Doch bekommen einige Kitas nun Hilfen vom Land, damit es besser wird.

Schon der reine Gruppenausflug in die Stadt wird zum Abenteuer, wenn in der Kindergartengruppe zwei oder mehr verhaltensauffällige Kinder sind. „Es wäre schon eine Unterstützung, wenn ein zweiter Erwachsener dabei wäre, der beispielsweise nur diese Kinder im Blick behält und sie notfalls an die Hand nimmt“, sagt Conny Thiem, sie ist Erzieherin im Haus 4 des DRK-Kinderdorfes. Selbst gemeinsame Beschäftigungen im Gruppenraum sind für eine Pädagogin allein kaum zu schaffen. „Hinzu kommt, dass einige Kinder gar kein Deutsch sprechen, sondern nur Arabisch oder Russisch.“ Disziplin im Sinne von Tagesstruktur, Pünktlichkeit oder Sozialverhalten rücke bei den Kindern immer mehr in den Hintergrund, „weil sie es von ihren Eltern gar nicht kennen“. Das gehe schon beim Bringen der Kinder am Morgen los, die vorgegebene Zeit von 9 Uhr werde in manchen Familien eher als unverbindlicher Richtwert angesehen. „Es ist nicht die Schuld der Kinder, sie kennen es nicht anders und sind selbst überfordert“, sagt die erfahrene Erzieherin.

Doch jetzt könnten sie und einige ihrer Kolleginnen Hilfe bekommen durch zusätzliche Erzieher, Sonderpädagogen, Elternbegleiter beziehungsweise Heilerziehungspfleger. Mit Hilfe eines Landesprogramms „Kiez-Kita – Bildungschancen eröffnen“ müssen nicht die jeweiligen Träger die zusätzlichen Stellen finanzieren, sondern das Bildungsministerium. Und das ist richtig viel Geld – für 2019 und 2020 jeweils 248.000 Euro, für die letzten beiden Monate 2018 ab dem 1. November anteilig 32.000 Euro und für jedes Jahr noch einmal jeweils knapp 9000 Euro für externe Beratung plus Sachkosten. In Summe sind das 594.000 Euro, die das Land übernimmt.

Es hätte sogar noch mehr Geld sein können, weil, es das Förderprogramm bereits seit Juli 2017 gibt. Während die meisten anderen Landkreise und großen Städte umstandslos zugriffen, verweigerten sich Brandenburg an der Havel und Teltow-Fläming, beklagte Ende Mai der SPD-Landtagsabgeordnete Ralf Holzschuher. Paradoxerweise sei die Idee gerade hier in der Stadt entstanden: Anfang September 2016 war der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag Mike Bischoff auf Einladung von Holzschuher hier, beide haben sich unter anderem die Kita Mittendrin in der Schleusener Straße angeschaut und von den Erzieherinnen die Anregung mitgenommen, dass es in Stadtteilen wie Hohenstücken für die Kinder mehr Betreuung geben müsste.

Der Verwaltungsaufwand sei zu hoch, sagt der Sozialbeigeordnete Wolfgang Erlebach (Die Linke) seinerzeit. Erst Ende Juni stimmte eine Mehrheit der Stadtverordneten zu, die Verwaltung doch noch ziu bewegen, ein Konzept zu schreiben, dass vom Land als „Förderantrag“ anerkannt wird. Das ist nun nachgeholt, allerdings ist wertvolle Zeit verstrichen. Nun startet das Projekt Anfang November, nachdem auch genügend freie Träger von Kindereinrichtungen ihren Bedarf angemeldet haben (siehe Infobox).

Fünf Kitas aus der Stadt nehmen teil

Teilnehmen an dem Projekt werden fünf Kitas aus der Stadt.

„Schritt für Schritt“ in Hohenstücken ist Bundessprachkita, betreut 15 Migrantenkinder, mehr als 40 Prozent aller Kinder haben einen Familienpass.

Haus 4 des DRK-Kinderdorfes betreut 10 ausländische Kinder, jedes dritte aller Kinder hat Sprachförderbedarf, jedes vierte einen Familienpass.

„Plauer Spatzen“ und „Kiwi“ vom WIR-Kinderförderverein sind auch dabei, bei „Kiwi“ können zwei von drei Kindern nicht richtig sprechen.

„Pusteblume“ auf dem Görden hat fünf ausländische Kinder, jedes vierte hat Sprachförderbedarf und/oder Familienpass.

Angesprochen werden sollen in der „Kiez-Kita“ neben Erziehern, Eltern und Hilfeeinrichtungen vor allem die Kinder: Sie können lernen, ihre eigenen Ideen, Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern. Sie sollen ihre Meinung zu vertreten und in der Diskussion miteinander auch andere Meinungen und Standpunkte zu hören und zu akzeptieren. Dazu brauchen Kinder verlässliche Strukturen und individuelle Begleitung. Gleichzeitig erleben sie eigene Grenzen in der Gemeinschaft und müssen damit umgehen. Das ist ziemlich schwer, wenn man erst einmal richtig sprechen lernen muss, wenn Regeln noch nicht selbstverständlich sind und wenn „nebenbei“ auch noch die Eltern miterzogen werden sollen.

Von André Wirsing

Quelle http://www.maz-online.de/Lokales/Brandenburg-Havel/Kiez-Kita-Foerderprogramm-Brandenburg-an-der-Havel